An Grass

Da lese ich im Guardian “Helmut Frielinghaus: Words in Farewell” Günter Grass’ Gedicht, geschrieben als einen Abschied an seinen Editor und gleichzeitig fallen im Spiegel die schrillen Töne bezüglich seiner neuesten Zeilen über Israel und die Situation im nahen Osten, die er meinte der Öffentlichkeit nicht vorenthalten zu können, ins Auge.
Es geht vermutlich nicht nur mir so, wenn ich mir mein lesendes Leben nicht ohne Grass vorstellen kann. Literatur, die ein ganzes Leben, ja eine ganze Generation auszufüllen vermag, mit dem immer mal wieder hinter der Pfeife erhobenen Zeigefinger, der unverkennbaren Gewaltstimme des großen Autoren, am Ende gekrönt durch den größten Preis, die heute in den Feuilletons von all denen, die es ja immer am allerbesten wussten mit einigen wenigen Federstrichen auf dieses eine kürzlich erschienene Gedicht reduziert wird, scheint mir ein Opfer, dargebracht der Mittelmäßigkeit und Engstirnigkeit der heutigen Zeit.
Ich selber habe Grass, wenn er politisch wurde nie als das gesehen, was er eigentlich ist als das Genie. Jedes Mal schien es, als verlöre der größte deutsche Dichter und Schriftsteller unserer Zeit sich in die trivialsten Eintönigkeiten und ließe sich vor den Karren der tagespolitischen Nichtigkeiten spannen. Und da wurde Grass dann plötzlich einer von denen, denen jedes Gespür für Subtiles abhanden gekommen ist, der eigentlich wichtigsten Eigenschaft des Schriftstellers. Da wurde er dann mit einem Male einer der Fingerzeiger. Nicht die feine Pointe lieferte die Erkenntnis des Lesers sondern der profane Hinweis des Autors.
Und nun hat er uns ein Gedicht geliefert, das Israels Politiker zur Aberkennung des Nobelpreises aufrufen ließ. Das vielen Kritikern die Erleuchtung brachte “Na klar, nicht geheilt der Nazi Patient”. All die, die schon immer meinten, einer der bei der Waffen SS war, der kann weder der Schriftsteller sein, den Grass verkörpert, noch kann der jemals einen Nobel Preis erhalten. In der unermesslichen Weisheit dieser Leute gibt es keinen Platz für Änderungen, wer da in die Schablone gefallen ist, der bleibt da und basta. Denen ist nie aufgefallen, dass erst Brüche in einem Leben zu Geschichten führen können, die nicht langweilig sind, ja, die das Zeug haben zur Weltliteratur. In deren kleinen Geistern existiert Ebenmäßigkeit bis zum Erbrechen und das Berauschen an der Langeweile wird bei diesen zum Prinzip erklärt.
Da hat ein alter Mann, ein großer alter Mann einen Text geschrieben, weil er, bewegt von den politischen Vorgängen, meinte ihn schreiben zu müssen, ja es für ihn offensichtlich keine andere Möglichkeit mehr gab, als diesen Text zu verfassen und zu veröffentlichen, und das worüber er immer geschrieben hat, die miefige Kleinbürgerlichkeit, die Spießigkeit, die schlägt ihm nun entgegen. Wer weiß, vielleicht war es das, was er mit diesem Gedicht beabsichtigte.

Ich erlaube mir, Ihm ein Gedicht zu widmen:

An Grass

Da schreibt der Grass mit letzter Tinte oder Kraft
und das Feuilleton horcht in den November,
das Land von dem der Große damals schrieb
obwohl nach Jahren eher im September,
nahm er sich in der Zeit und heute selbst in Haft.

Grass, politisch warst du zwar nie Mittelmaß
doch mit des Volkes Dienern nach Recht und Wandel schrein,
verrietest du die Zunft, Flucht, so hatte es für mich den Schein,
war es das Gewissen, Vergangenheit, die an dir fraß?
die Erwartung des Novemberlandes die dir im Nacken saß?

Nun geht dir deine Tinte aus, die immer reich geflossen,
den Freunden fährst du an den Kragen, noch nicht genug genossen
von den Feinden, die reichlich um dich sind und waren,
Kritiker und selbsternannte Dichterlinge in Scharen
die, Grass, die haben heute im November deines Lebens Spaß.