Bis auf die Knochen bieder

Die Grünen können und dürfen nach Auffassung vieler Journalisten nicht bieder sein. Heute in der Welt schreibt Claudia Kade über Kretschmann und bezeichnet ihn als konservativen, fast biederen Grünen. Das Bild, das sich viele Schreiber von einer grünen Partei machen, scheint ein zusammengepinseltes Werk, das irgendwo angesiedelt ist zwischen den Idealen eines Che, der Pop Art Warholes, der Selbstlosigkeit eine Mutter Theresa und der politischen Unbestechlichkeit eines Fidel Castros. So hängt dieses gesellschaftliche Bild, bewacht von den neueren Tugendwächtern moderner superliberaler politischer Korrektheit im Museum eines heraufziehenden neuen Deutschlands. Heroisch in den Rahmen der Postbiederkeit getackert, an der Ewigkeit befestigt, den politischen Raum füllend, unbeweglich und unberührbar. Dabei dürften Autoren wie eben Claudia Kade den Wesenszug der Biederkeit eigentlich ganz ohne die Zugabe des Schreckens gebrauchen, denn die Erklärung Wikipedias beispielsweise zeigt unter der vormals positiven Besetzung des Begriffs durchaus Grünes:
Die vormals stark positive Besetzung des Wortes entnimmt sich zum Beispiel dem Anfang von Christian Friedrich Daniel Schubarts Gedicht Der Patriot und der Weltbürger von 1774:
Wie lieb ich dich, mein Vaterland,
Wo ich den ersten Odem zog
Und frische Lüfte atmete;
Wie lieb ich dich! wie lieb ich dich!
So sprach ein deutscher Biedermann,
Und Tränen flossen vom Gesicht.
(Oft weint ich in der Mitternacht
Auch solche Tränen; Gott, du weißt’s!)

Die Biederkeit als schlechtes oder sagen wir besser als Wesensmerkmal des politischen Gegners zu erkennen, bedarf heutzutage ja nicht mehr der Zugehörigkeit oder der Wahl eines bestimmten politischen Spektrums, eher vermutlich, eines bestimmten Alters oder eines bestimmten Denkens. Und da treffen wir ja, wenn wir uns bemühen genau hinzusehen, bei grünen und die Umwelt und das Klima betreffenden Themen den Mainstream oder die Biederkeit schlechthin. Vielleicht mehr als das, wenn man sich an den australischen Professor aus Wien erinnert, der ja bekanntlich öffentlich darüber nachgedacht hat, ob man sogenannte Klimaleugner nicht von Staats wegen töten dürfe. Oder neulich die angeregte Debatte im Guardian, ob man Klimaleugnern das Publizieren verbieten könne. Die (ebenso Mainstream) Definition des Begriffes in der allwissenden Wikipedia Enzyklopädie mag hier die ein oder andere Erhellung bringen:
Das Adjektiv bieder ist ein langsam abkommendes Wort (ahd. pidarpi, biderbi, alts. bitherbi, und mhd. biderbe), das bis ins 19. Jahrhundert „rechtschaffen“ und „geradezu“ bedeutete (vgl. die Redensart treu und bieder). Heute meint es eher „einfältig“ oder „altbacken“ (vgl. auch absprechend sich anbiedern, was seit 1800 nachgewiesen ist.)
Abgeleitet davon sind „Biedermann“, (ursprünglich spöttisch) „Biedermeier“ (etwa in der Bedeutung Spießer seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert gebraucht) und „Biedersinn“.

Claudia Kade zitiert: “Wir sind keine kleine radikale Minderheit mehr in einer feindlichen Umwelt. Uns stehen alle Türen offen”, sagt der Grünen-Vordenker Ralf Fücks.
Und sie resümiert: Kretschmann sieht es ähnlich. Wenn es nach ihm geht, sollen die Grünen wieder an die Schwelle zur Volkspartei kommen. Er will sich daran machen, das Bürgerliche, das er selbst verkörpert, fest in der Partei zu verankern, auch in Programmen, Strategien.