Der Malbec des Königreiches

Im Wein finden wir ja bekanntlich Wahrheit. Das mag der Leitsatz für jenen englischen Weinhändler gewesen sein, der sich dachte, man könne den guten Malbec aus Argentinien in Trauebenform nach England einführen, ihn dort keltern und dann verkaufen. Der Vorteil lag ja schon allein in der Berechnung der Einfuhrsteuer auf der Hand. Zahlt doch jeder, der gewerblich Wein nach Großbritannien einführt pro Liter £2.40, ganz egal ob er 50 Flaschen oder Tausende an die Ufer des Königreiches bringt. Nachdem man (man wollte klein anfangen) 1,5 Tonnen des edlen Malbec in den englischen Schobern untergebracht hatte, ging man unter Anleitung einiger “Experten” daran, den süffigen Tropfen zu kreieren und war mit dem Ergebnis sogar sehr zufrieden, was nichts heißen mag, denn bekanntlich gilt ja hier im Königreich die Formel: Süß + Kopfschmerz am nächsten Tag – Betrag der Flasche in Pfund = guter Wein. Alles andere ist reine Modesache, „just fancy“, wie man so sagt. Die Flaschen, die Etiketten, die Kisten erhielten das nobelste Design und fertig war der englische Malbec.
Nun mag es daran liegen, dass die übrigen Europäer von der Kunst der englischen Weinexperten wissen; oder dass möglicherweise der ein oder andere im europäischen Parlament davon gehört hat, dass die Römer zu ihrer Zeit auch Wein in dem Land der Pikten angebaut hatten, allerding aus reiner Not, denn sie trauten dem hiesigen Wasser nicht und manch einer, der hier stationiert war, klagte über die miserable Qualität der Rebsäfte. Oder es mag daran liegen, dass man im europäischen Parlament einfach bei der Vorstellung eines englisch gekelterten Weines heftigste Krämpfe der den Geschmackpapillen zugehörigen Nerven verspürte und schon alleine aus diesem Grund verfügte, was dann hier zu einem Aufschrei in der Weinwelt und der dazu gehörenden Journalistenschar führte.
Was war passiert? Der noble Malbec, der ja heutzutage eben nur noch im trockenen Klima der Mendozas in Argentinien seine harte dunkle Schale ausreifen kann und fast völlig aus seinem ehemaligen Anbaugebiet in Frankreich verschwunden ist, war trotz seiner bestens gelobten Eigenschaften vom europäischen Parlament lediglich als “Fruchtsaft mit Alkoholanteil” zugelassen worden. Na Prost Mahlzeit oder Kruzifixvermaledeit haben sich die “Experten” (in deutscher Übersetzung) vermutlich gedacht und verschenken nun die edel designten Flaschen an all diejenigen, die Wein in größeren Mengen bestellen, hergestellt und abgefüllt, versteht sich, in den Ursprungsländern, in denen immer noch der Wahlspruch mit der Wahrheit und dem Wein gilt. Es mag uns Lesern ein Schildbürgerstreich scheinen oder, wie man hier sagt: Ein Streich der “wise men of Gotham”, wir würden damit allerdings den Ernst der weintrinkenden Engländer verletzen, die sich selbst in den miserabelsten Kochsendungen im Fernsehen an die gewagtesten Wein Empfehlungen zu den unmöglichsten englischen Essenskreationen trauen. Nun denn, so mag der Versuch, den dunkel, würzigen Malbec in England zu kreieren lediglich als kleine, lustige Anekdote in die so üppig beschriebene Weingeschichte eingehen.