Der Weltpolizist ist müde

 

 

Vor sechs Jahren war alles noch ganz einfach. Das Weltbild der Tauben dieser Welt stimmte, ebenso das der Falken. Die Welt hatte ihre Risse, da wo man sie wollte, Gutes und Böses war in die richtigen Schablonen verteilt und selbst Grauzonen, wie das Piratenunwesen vor der Somalischen Küste fanden ihre Erklärung und ihre Lösungsvorschläge in beiden Lagern. Begriffe wie Terrorismus, 9.11., Afghanistan, Irak dienten beiden Lagern zu erschrecken, zu beschönigen, ja zu Lügen, zu bereichern und zu unterschlagen. Verschwörungstheorien waren Wahrheiten und Wahrheiten wurden ignoriert immer mit dem Blick auf die eigene Ortung, auf den Standpunkt und die selbstzufriedene Sicherheit der eigenen Interessen. Und dann plötzlich am 20. Januar 2009 war alles anders. Nicht nur war mit einem schwarzen Präsident in Amerika ein neues Politikverständnis im mächtigsten Land der Welt in das Refugium der Macht schlechthin eingezogen, sondern eine so gewaltige Erwartungshaltung, dass sich bereits bei der Amtseinführung Barack Obamas einige Kommentatoren fragten, zu wie viel Enttäuschung diese Wahl wohl führen könne. Die Wiederwahl im November 2012 war dann auch das Spiegelbild der Enttäuschung der letzten vier Jahre und ließ damals viele politische Beobachter schon ahnen, was kommen würde. Waren schon in den ersten Amtsjahren die Versprechungen an all die nicht erfüllt worden, die sie am meisten erwartet hatten, scheinen die kommenden Jahre bereits jetzt von Tatenlosigkeit, Stagnation und politisch unvernünftiger Gegenlähmung zeugen. Der Präsident ist schwach, eine “Lame Duck”, hört man International und Landauf Landab, ganz besonders in Fragen der Außenpolitik seit Neuestem in Syrien, Ägypten und Palästina. Und plötzlich erhebt sich aus den Ländern des Westbündnisses der Ruf nach Härte, nach Durchgreifen, eben nach der alten Polizeimacht Amerika. Wo bleiben die Waffenlieferungen an die Aufständischen in Syrien, wo die Sanktionen gegen Ägypten, wo der harte Schlag auf den Verhandlungstisch in Israel und Palästina? Dafür ist doch ein schwarzer Präsident nicht gewählt worden, dass er sich zu gar nichts durchringen kann, dass er still hält, wenn Unterdrückung, Genozid und Staatsterror an vielen Orten der Welt blühen und gedeihen. Der wurde doch gewählt, Armen und Entrechteten in der Welt zu helfen, und hatte man ihm nicht den Friedensnobelpreis verliehen, kaum dass er im Amt war, als Vorschuss sozusagen, als Erwartung auch? Erst recht will niemandem in der internationalen, linksorientierten Presse einleuchten, warum gerade ein Obama so rigoros gegen jene “Whistleblower” vorgeht, einen Assange in der Botschaft Ecuadors zum Ausharren verurteilt, einen Snowden Asyl in Russland beantragen lässt und einen Manning für 35 Jahre einsperren lässt. Warum er bisher Guantanamo nicht schließen ließ und amerikanische Interessen im nahen Osten immer noch höher stehen, als die Interessen der dortigen Menschen.

Als 2009 ein schwarzer Präsident in das Weiße Haus einzog unter dem Jubel der Weltpresse, der Weltbevölkerung konnte man auf den Bildschirmen die Krönung eines Märchenprinzen verfolgen. Ein Märchenprinz den es im wirklichen Leben nicht gibt, nicht geben kann. Die Welt hatte sich für einen kurzen Moment die Schwäche und Naivität eines Kleinkindes beim Anblick eines Märchenbuches voller schöner Bilder erlaubt. Nach fünf Jahren sind alle aufgewacht und stellen konsterniert fest: Es gibt keine Märchenprinzen, keine Erlöser, keine Zauberer und Hautfarbe macht niemanden besser oder schlechter, fähiger oder unfähiger. Lediglich einen Mann, der es geschafft hat, an das höchste Amt zu gelangen, um zu erfahren das dieses Amt zu dieser Zeit nicht zuletzt eben durch die überschwellige Erwartungshaltung einer ganzen Welt nichts weiter hervorbringen kann als entweder weitere Erwartungen oder tiefste Enttäuschungen. Zu diesen Erwartungen (und Enttäuschungen) gehört nun eben auch der Wunsch nach dem Weltpolizisten, dem guten Weltpolizisten, nicht dem a la George W. Bush. Einem der alles richtig macht, der den bösen Assads dieser Welt, den schießenden Generälen Ägyptens, den uneinsichtigen Palästinensern und Israelis den richtigen Weg weist. Der den Dialog mit gewaltbereiten Terroristen sucht, der eventuelle Landesverräter freilässt, ja, die Mörder seiner Landsleute laufen lässt. Dabei vergisst man auch schon mal gerne all die Anwürfe, all die Verurteilungen einer ganzen Nation, die ähnlich dem antiken Rom, mehr oder weniger unfreiwillig in diese Rolle des Weltpolizisten geraten ist und vielleicht einfach müde ein wenig ausruhen möchte. Dass dieses Gefühl den Mann im Weißen Haus unterschwellig leitet und er seiner und anderen Nationen damit eben dieses Gefühl mehr vermitteln möchte als Stärke und Macht. Barack Obama wird sicherlich nicht als friedliebender Präsident in die Geschichtsbücher eingehen, möglicherweise als einer, der die straffen Zügel der Weltmacht Amerika für kurze Zeit schleifen ließ und der Weltpolizei damit einen kurzen Augenblick Ruhe gönnte, auf jeden Fall aber als der Präsident der unerfüllten Erwartungen einer ganzen Welt.

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