Der Weltversuch

Für gewöhnlich lernt der Mensch aus Krisen erst lange nachdem diese vorüber sind. Mal ganz davon abgesehen, dass ja in der derzeitigen Krise ein Lernen von vornherein komplett ausgeschlossen ist (denn die grenzenlose Gier der Anleger aus der sogenannten Mittelschicht scheint die Gehirne derselben schlicht und einfach zu verkleistern), kann sich doch dem aufmerksamen Beobachter die ein oder andere Einsicht öffnen.
In den einschlägigen Foren sowie in der Berichterstattung ist seit einiger Zeit der Begriff „Neue Weltordnung“ wieder in Mode gekommen. Betrachtet man nun die seit Jahren anhaltende Finanzkrise unter dem Aspekt einer, wie auch immer gearteten, “Neuen Weltordnung” und fokussiert sein Augenmerk auf die Situation solcher Länder wie Griechenland, Portugal, Spanien und Italien, drängt sich ein Verdacht auf, der zu interessant ist, als dass man ihn einfach so abhaken könnte, um zur, nicht gerade erbaulichen, Tagespolitik weiterzuklicken.
Die Rede ist von einem gigantischen Versuch, einem gesellschaftspolitischen Experiment, welches als Endresultat aufzeigen soll, wie groß der Leidensdruck einer ganzen Nation sein muss, bis diese in einer revolutionären Explosion die Strukturen, die zu diesem Leidensdruck führen, beseitigt. Wie wir alle wissen, scheint bei 50% Jugendarbeitslosigkeit und bei 25 bis 30% allgemeiner Arbeitslosigkeit der Siedepunkt noch lange nicht erreicht, denn die täglichen Demonstrationen in den oben genannten Ländern sind immer noch friedlich, sieht man von der ein oder anderen kleineren „Rangelei“ ab.
Es scheint, dass die sogenannte Mittelschicht, die schon immer der Puffer zwischen ganz arm und ganz Reich war, in diesem Experiment eine ganz besondere Rolle zugeteilt bekommen hat. Sie ist ganz offensichtlich der Schlüssel in diesem Experiment, die als Knautschzone des nationalen Vehikels einmal mehr die Sicherung der finanziellen und politischen Elite zukommt. Für die Notwendigkeiten, die sich daraus ergeben ist bereits vortrefflich gesorgt, nämlich der Umstrukturierung der Medienlandschaft als eine der wichtigsten Voraussetzungen zur Durchführung dieses Experimentes. Die Wichtigkeit, mit der die Sendeanstalten, die Tageszeitungen, die Magazine und die anderen Veröffentlichungsorgane, die täglichen Börsen und Wirtschaftsnachrichten ausgestattet haben, und deren Quantität auf fast 30% der täglichen Nachrichten angehoben haben, spricht hier eine ganz deutliche Sprache.
Der Druck dem die oben genannten Nationen ausgesetzt sind macht es dringendst notwendig, erwähnter Mittelschicht ein zusätzliches Sicherheitsventil einzubauen. Indem dieser Bevölkerungsschicht die Möglichkeit gegeben wird, selbst am großen Weltroulette teilzunehmen, indem immer neue Anlageobjekte angeboten werden zu selbstverständlich immer höheren Zinsen und ihr damit bequemer, fortwährender Wohlstand vorgegaukelt wird, zieht sie sich gleichzeitig den Zorn und die Unzufriedenheit der ärmeren Bevölkerungsschicht zu und lenkt so die Aufmerksamkeit von denen ab, die mit krimineller Unanständigkeit nicht nur die Erfinder dieses Roulettes sind, sondern die Überwacher der Regeln, die Hausbank, die Rausschmeißer und die Nutznießer in einem; und vor allen Dingen die Hintermänner, die das große Experiment auf den Weg gebracht haben.
Irgendwann in absehbarer Zukunft, wenn der Versuch abgeschlossen ist, wenn sich vielleicht herausgestellt hat, das es tatsächlich einen Siedepunkt gibt, eine Zündtemperatur, die Gesellschaften explodieren lässt und damit ein für alle Mal festgestellt worden ist, wo die Schmerzgrenze eines Volkes liegt, wird man diesen Puffer, die dann vermutlich auch nicht mehr wohlhabende Mittelschicht, ohne zu zögern opfern. Nach etlichen Jahren werden sich dann vermutlich gescheite Leute mit den Vorgängen beschäftigen und versuchen etwas daraus zu lernen. Der Erfolg dieses Versuchs wird allein daran scheitern, dass die Grundlagen für die Katastrophe (wieder einmal) nicht dort gelegen haben wo man sie suchen wird.