die Kunst zu töten!

Vor einigen Jahren hatte mich der Rotary Club eines kleinen Nestes in Central Otago Neuseeland eingeladen, einen Vortrag über meine Heimat Deutschland zu halten. Vor mir stand auf der Tagesordnung ein Anlageberater, der sich auf “Schaffende Kunst als Anlageform” spezialisiert hatte auf der Rednerliste. Da saßen sie, der John, der sein Geld als Schafzüchter gemacht hatte, der Tom, der wohlhabend geworden war durch die Züchtung von Hirschen, Richard, dem 2 000 der noblen Angus Rinder gehörten, neben 8 000 Schafen mit etwa 20 anderen durch harte Arbeit zu Geld gekommenen Bauern, und hörten dem Mann, der eigens aus dem entfernten Dunedin angereist war andächtig zu. Der führte aus, das es in erster Linie darauf ankommt, sich über den Künstler zu informieren. Wie beispielsweise steht es mit dem Weiterkommen des Malers oder des Bildhauers? Wie wahrscheinlich ist es, dass er oder sie im Laufe der nächsten Jahre an Berühmtheit gewinnen durch bevorstehende Ausstellungen in bedeutenden Galerien? Wie sieht die Welt der Kunstkritiker die Arbeiten des Künstlers? In seinem, durch Folien unterlegten Beitrag zeigte er uns Listen, die auf diese Fragen Antworten gaben und dazu einen ganzen Katalog mit Bildern und Skulpturen, die in den nächsten Jahren guten Wertzuwachs versprachen. Die Zwischenfragen drehten sich um den Wertzuwachs, Versicherungskosten, spätere Verkaufsmöglichkeiten und die richtige Lagerung. Nicht einer im Raum schien interessiert an dem, was ein Bild oder eine Skulptur ausdrückt, wie sie den Betrachter, den Besitzer anspricht. Es schien als ob nicht ein einziger wirklich darüber nachdachte, eines dieser Kunstwerke tatsächlich in sein Wohnzimmer zu hängen und der Experte erteilte dann auch Ratschläge, wie man diese Werke schön geschützt in irgendwelchen Safes bei eigens dafür geschaffenen Unternehmen lagern könnte.
Und heute lese ich im Spiegel von der Versteigerung des Bildes “Der Schrei” für 119 Millionen. Empfand ich die Situation damals eher drollig, einem Schwank ähnlich, jedoch von einem Gefühl beschlichen, das die bildende Kunst in einem jämmerlichen, rein kommerziellen Bild beschrieb, befällt mich heute bei einer derartigen Meldung eher Ekel. Da hilft auch nicht die Versicherung des vormaligen Besitzers Petter Olsen, dass er ein Museum in Munchs Heimatort bauen lassen will. Der fade Geschmack bleibt oder wird eher noch stärker durch den Hinweis, dass Sotheby damit den Coup des Jahrhunderts gelandet und der Konkurrenz damit um Längen voraus ist. Die Grenzen, die der Anstand aufzeigt, haben offensichtlich versagt, denn als was anderes sollte man es beschreiben, wenn für ein Bild eine Summe ausgegeben wird, die nicht nur die Vorstellungskraft des armen Menschen völlig überfordert. Mit Schrecken kann ich mir den nächsten Versuch eines Künstlers oder einer Künstlerin vorstellen, die, wie eben vor einigen Tagen versucht, bei einem Gericht durchzusetzen, zwei Hundewelpen zu erdrosseln beseelt von dem Gedanken damit Berühmtheit zu erlangen (Die vordergründige Erklärung der betreffenden “Kunstschaffenden” war ebenso hanebüchen wie durchsichtig). Was wird aus dem Gut, das uns Menschen tatsächlich von der Tierwelt unterscheidet, wenn es nichts anderes mehr ist als ein Gegenstand, der verschachert zu einem Preis, der weder das Werk an sich würdigt, noch den Künstler und seine Vision respektiert, in irgendwelchen Safes, Privatgemächern der tausend Parvenüs oder selbsternannter Kunstliebhaber -Sammler, auf den nochmals steigenden Preis wartet? Oder wenn Künstler weniger ihr Werk ihre Arbeit im Sinn zu haben scheinen als die Wege und Schliche, die notwendig sind um schnellstmöglich ganz nach oben zu kommen? Wenn es eher um die Suche nach Aufmerksamkeit, nach Sensation geht, und es längst nicht mehr genügt, wie bei einer der lange zurückliegenden Documenta, sich unter ein zu schlachtendes Rind zu legen und sich auf Leinwand in dem Blut und den Därmen zu wälzen? Wenn die Sensationen der Künstler so inflationär geworden sind, dass womöglich nur noch die “öffentliche Selbstverbrennung” als absolute Äußerung des Künstlers gelten kann? Dann wird dieses uns Menschen auszeichnende Gut zur Beliebigkeit, zum Gewöhnlichen, das wir nur noch am Rande wahrnehmen, mal abgesehen von der eigenen Zuschaustellung bei einer der zahlreichen Vernissagen, in den Hallen der Galerien oder den Museen dieser Welt oder wenn wir die 119 Millionen einfach so übrig haben, um uns publikumswirksam (aber anonym, das Understatement muss gewahrt werden) eines dieser Kunstwerke bei Sotheby ersteigern.

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