Die Rote Linie

Warum die Linie, von der sie alle sprechen in letzter Zeit, rot sein soll, hat noch keiner mitgeteilt. Der amerikanische Präsident hat sie allerdings versucht zu definieren. Bewegung größerer Mengen Giftgases, bzw. Anwendung des gleichen im Syrienkonflikt durch das Asad Regime. Deutsche Politiker sahen sie überschritten durch die Ausspähung amerikanische Verbündeter durch die Behörde NSA. Einer sah sie überschritten durch die Festnahme und das Verhör des Greenwald Lebensgefährten, bei dessen Zwischenlandung in Heathrow. Der iranische Kommandeur Dschasajeri sieht sie überschritten beim militärischen Eingreifen Amerikas in den Syrischen Bürgerkrieg. Das kann man so fortsetzen, im Moment ist das geometrische Gebilde zum Modewort der Politik und der Medien geworden. Das eindimensionale Objekt, das in all diesen Fällen seine rote Farbe ganz offensichtlich durch die jeweilige moralische Ansicht erhält, und nichts als die kürzeste Verbindung von Punkt A nach Punkt B beschreibt, wird damit zur inflationären, ebenso eindimensionalen Metapher erhoben, und soll bei ihrer Anwendung denjenigen, der sie gebraucht, in großer staatsmännischer Geste darstellen. Wie der große Kriegsherr, der eine Linie in den Sand zieht und seinen Feinden bedeutet, wer diese Linie, dieses abstrakte Gebilde, überschreitet, hat sein Leben unwiederbringlich verwirkt. Für die Autoren der Genesis, die vermutlich mehr in Bildern dachten, als das eine heutige kühle mathematische Zeit vermitteln will, dachten sich diese Linie als einen Baum, eine Frucht des Baumes. Man sieht, wo die vermessene Anlehnung hin will. Das göttliche Prinzip!

Nun mag es an der im Westen allgemein als gottlos angenommenen Eigenschaft der postkommunistischen Staaten wie Russland oder China liegen, dass diese sich dieser Metapher enthalten und sie eher darauf hinweisen, dass es allein rechtlich umstritten ist, in das Haus eines anderen zu gehen, ihm dort eine Linie auf den Boden zu malen, um ihm dann mitzuteilen, wenn er diese Linie übertritt, wird ihn der Zorn des westlich, weltlichen Gerichtes treffen. Die moralischen Attribute dieser Geisteshaltung oder dieser Weltsicht, können dann allerdings im westlich, religiös und Hollywood geprägten Gerechtigkeitssinn unter Zuhilfenahme des Gremiums der Uno Vollversammlung nur noch als eigensinnig und vorteilsorientiert bloßgestellt werden. Die rote Linie, die im Fall Syrien nach Auffassung des amerikanischen Präsidenten nun überschritten wurde, hat damit quasi nacheilend auch ihre moralische Berechtigung gegenüber der anderen beiden Supermächte erhalten und nach bester Westernmentalität die Welt in “Gut und Böse” aufgeteilt. Der Auftrag ist klar: Das Unrechtsystem und sein Tyrann in Syrien wird beseitigt, das Widerwärtige Sterben, dass den westlichen Zuschauer vor den teuren Flachbildschirmen so sehr aufregt, hat ein Ende und man ist dem göttlichen Prinzip wieder ein Schritt näher gekommen.

Wirklich?

Die Krisenherde in der Welt in die man mit der gleichen moralischen Keule auf- und los marschierte zeigen ein anderes Bild. Hier und heute ist alles plötzlich ganz anders? Wäre der zweite Irak Krieg nicht aufgrund der Lüge von angeblichen Massenvernichtungswaffen begonnen worden, sondern weil Saddam Giftgas gegen seine eigenen Leute angewendet hatte, moralisch eher gerechtfertigt gewesen? Denn darüber wird sich wohl hoffentlich jeder klar sein, das massenhafte Sterben wäre unter den wohl anderen moralischen Aspekten immerhin das gleiche gewesen. Die Frage stellt sich für Afghanistan gar nicht, denn da war es ja angeblich von vornherein der Hauptgrund, die menschenverachtenden Taliban als Tyrannen des Landes zu vertreiben. Aber auch hier gilt, der moralische Auftrag steht in keinem Verhältnis zum erreichten Ziel, sofern man überhaupt von einem Ziel reden kann.

Bevor man also rote Linien zieht, wäre es vermutlich ratsam, zu ergründen, was denn das Endresultat dieser Geste bei Nichteinhaltung der Drohung ist. Und da scheinen eben die Staaten und deren Führungen, die sehr sparsam mit dieser Metapher umgehen ein wenig weiser als all die großen Sandmaler der letzten Zeit.