Erste Jagd am Pomahaka River

Ich hatte ihn vor zwei Wochen bei einer Zusammenkunft der örtlichen Farmer getroffen, und wir hatten eine Weile gemeinsam schweigend in einer Gruppe irgendwelcher anderer Teilnehmer da gestanden, als er sich mir wie beiläufig zuwandte und mich fragte, ob ich „A good shot” sei. Wir hatten uns schon früher gesehen und er war mir durch seine wachen Augen aufgefallen. Ich wusste das sein Name John war und dass er einen Orchard mit Aprikosen, Pfirsichen, Äpfeln und Kirschen hier im Ort betrieb. Sein Gesicht mit der braunen Haut und den vielen winzigen Falten die sich besonders um die Augen wie kleine weiße Adern zu den Schläfen hinzogen, zeugten von der täglichen Arbeit in der Sonne und an der frischen Luft. Inmitten all der anderen Farmer, die groß und breit die typische Statur des neuseeländischen Bauern verkörperten, wirkte seine kleine, sehnige Gestalt ein wenig wie die eines Kindes. Trotz seines Alters, ich schätzte ihn auf Mitte 60, hatte er volles nur an manchen Stellen ergrautes Haar. Mein verständnisloser Blick auf seine soeben gestellte Frage, ließ sie ihn den Satz neu formulieren: „Kannst du schießen?“ Noch immer wusste ich nicht worauf er hinaus wollte und mir kam meine Antwort später etwas lächerlich vor, als ich sagte: „Wie schießen? Mit einer Pistole?“ „Nein, ich meine mit einem Gewehr, bist du schon mal jagen gewesen?“ Ich muss wohl etwas belustigt drein geschaut haben, denn seine munteren Augen bekamen etwas Zweifelndes. Ich erzählte ihm, dass ich wohl wüsste, wie man mit einem Gewehr umgeht, aber ob ich ein guter Schütze sei, müssten wohl andere beurteilen. Er schien einen kleinen Augenblick angestrengt darüber nachzudenken, ob er es hier mit jemandem zu tun habe, dem ein ganz besonderen Humor zu eigen ist, oder ob es einfach die fremde Sprache war, die hier zu Missverständnissen führte. Er begann von vorne: „Wir haben da eine kleine Jagdhütte in den Pomahaka Bergen, gute eineinhalb Stunden von hier, wo wir an den Wochenenden Rehwild schießen, wenn du Lust hast, lade ich dich ein für das nächste Wochenende“. „Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich so ein großer Fan von Halili und Halala bin, und außerdem weiß ich nicht, ob ich die richtige Kleidung für solch ein Unterfangen dabei habe“, sagte ich leichthin. Er redete eine Weile langsam und bedächtig in seinem neuseeländischen Slang, der in der englischen Sprache so ganz besonders ist, und erklärte mir, dass das Jagen hier in der Gegend nichts zu tun habe mit jenem affektierten Gehabe, das man aus Europa gewöhnt ist. Ich solle nur einfach mal mitkommen und ich würde schon sehen. Wir verabredeten uns für den nächsten Samstag früh um 4.00 Uhr.
Es war November und noch Frühjahr und in der Dunkelheit an jenem Samstag wartete ich in immer noch winterlichen Kälte an der Straße. Als ich zu ihnen in den Wagen stieg, Johns Begleiter stellte sich als Roger vor, und ich schätzte ihn auf gute Zehn Jahre älter als John, stellte ich schnell fest, dass ich in meinen Goretex Klamotten eher overdressed wirkte als die beiden. Sie trugen graue Fleece Hosen, karierte Flanellhemden und pferdeckenähnliche Ponchos; einzig das Schuhwerk wirkte teuer und gut. Ich glaube ich habe noch nie in Gegenwart zweier Männer sowenig geredet wie an diesem Morgen. Die beiden machten den Eindruck zweier Indianer, die nur den Mund aufmachten, wenn sie sich dazu gezwungen sahen.
Die Berge oberhalb des Pomahaka River gehören zu den südlichen Ausläufern der “Old Man Range” und wir bogen in einen kleinen Feldweg hinter einer Farm ab, der uns weiter und weiter hinauf in tief eingeschnittenes Tassockland führte. Einmal, es graute eben, hielt John den Jeep an und wir kletterten auf einen Hügel auf der linken Bergseite. Die beiden blickten für eine lange Zeit schweigend durch ihre Feldstecher. Roger reichte mir seinen und deutete auf eine Gruppe Rehe am gegenüberliegenden Hang. “Sieben habe ich gezählt”, war das einzige was er sagte. Ich reichte ihm das Glas zurück und nickte zur Bestätigung. An der letzten Biegung bevor wir die Hütte sahen, war die Sonne bereits aufgegangen und schien warm in das tiefe Tal. Neben der Hütte floss der hier noch junge Pomahaka zwischen einer größeren Anzahl Manuka und Eukalyptusbäumen und der Weg endete hinter dem Gebäude und mündete in weitem wogendem Tassock.
Noch bevor wir die Hütte betraten, reichte mir John ein Gewehr, ein Remington und eine Tasche mit Patronen. Er deutete auf das Gebiet hinter der Hütte: “Da ist Roger unterwegs”, er wandte sich nach Osten und wies auf ein unbestimmtes Gebiet: “Da bin ich” und drehte sich dann ganz um zum Süden hin, “Der gesamte Bereich da, den Hügel und dahinter, bis rechts an die Linie zu den Bäumen da am Horizont ist dein Gebiet. Wir verständigen uns durch Schüsse. Dreimal mit gleichem Abstand hintereinander bedeutet zurück zu Hütte. Aber jetzt machen wir mal erst Kaffee. Das Gewehr kannst du hier auf der Veranda abstellen.” Roger war bereits in der Hütte und suchte in einem der Schränke nach etwas. Es dauerte eine Weile bis er zu uns an den Tisch kam und eine Dose auf den Tisch stellte. Ich hatte eine solche Dose bereits vor einiger Zeit in einem kleinen Laden im Ort gesehen. Darin befindet sich eine Sirup artige Masse, ähnlich dickem zähflüssigen Honig, die man mit einem Löffel in eine Tasse gibt und die den instant Kaffee sowie die eingedickte Kondensmilch bereits enthält. Füllt man das ganze mit kochendem Wasser auf bekommt man etwas, das entfernt wie Kaffee aussehen könnte, jedoch in keinster Weise wie solcher schmeckt. Roger öffnete den Deckel und weißer Schimmel bedeckte nicht nur die Paste sondern auch die Innenwände der Dose. “Muss gekippt sein in den letzten Wochen” murmelte er, “macht aber nichts, wenn man den Schimmel ein wenig abkratzt, das Zeug darunter ist immer noch gut, das kann gar nicht schlecht werden.” Ich hatte mich mit Obst und Wasser reichlich eingedeckt und konnte so gut auf den Kaffee verzichten. Der mir zugeteilte Bereich lag zum Teil noch im Schatten und ich machte mich bald auf den Weg. Wir verabredeten uns für die beginnende Dunkelheit zurück an der Hütte und ich begann den steilen Aufstieg auf jenen Hang den John mir beschrieben hatte und auf dem er beim vorigen Mal etliche Tiere gesehen hatte. Nachdem ich eine gute Stunde gestiegen war hörte ich auf dem gegenüberliegenden Hang Rogers Gewehr. Zweimal peitschten die Schüsse durch das mittlerweile tief unter mir liegende Tal und hinterließen ein rollendes, sich mehrmals wiederholendes Echo. Ich spürte die Anstrengung in meinen Knien, mein Atem ging schnell und die Sonne bedeckte hier den vor mir liegenden Hang mit warmen Licht, als hinter einer struppigen Buschreihe das mächtige Geweih eines Hirsches sichtbar wurde. Er hatte den Kopf gesenkt, der Wind stand gegen ihn und ich blieb stehen, kaum in der Lage meinen Atem zu kontrollieren. Ganz langsam ging ich gebückt zwei, drei Schritte vorwärts und legte mich dann auf den Boden. Ich sah ihn nun ganz vor mir, er hatte den Kopf gehoben und blickte in meine Richtung. Seine breite, helle Brust glänzte und von seinem Rücken stieg feuchter Dunst aus dem Fell. Er wirkte ruhig, ja, fast gelassen, zwar blickte er immer wieder in alle Richtungen, hob die Schnauze und witterte, aber nichts schien ihn die Gefahr ahnen zu lassen, die direkt vor ihm im hohen Gras, und kaum von Büschen verdeckt, lag. Ganz vorsichtig brachte ich das Gewehr in die nötige Position und er blieb auch dabei ruhig und ohne Argwohn. Die Remington, eine Jagdflinte, verfügt über ein Gewehrschloss, das sich extrem leise bewegen lässt, sodass der Vorgang des Durchladens kaum zu hören ist, dennoch schien mir jedes Geräusch ebenso laut, wie mein Atem und mein Herzschlag. Immer noch stand er ruhig da, beugte den Kopf herunter, zupfte ein paar Halme, hob ihn wieder, witterte, blickte sich um und senkte das Geweih wieder um weiter zu grasen. Ich wusste nicht, ob es besser sei, zu warten, bis er sich zur Seite drehen würde. Hätte er sich nach rechts bewegt, wäre mir vermutlich ein direkter Herzschuss geglückt. Ich beschloss auf jeden Fall zu warten, denn bei meinem immer noch schnell gehenden Atem war ich mir nicht sicher ob selbst die mächtige Brust ein geeignetes Ziel sei. Ich beobachtete ihn so eine Weile über den Lauf des Gewehres und bewunderte ihn, seine Kraft, seine Schönheit und seine Eleganz. Etwas weiter hinter ihm tauchten nun zwei weibliche Tiere auf, die aber respektvoll Abstand hielten und ihn noch nicht einmal zu einem Blick in ihre Richtung veranlassten. Mein linker Arm, auf den ich das Gewehr stützte schmerzte ein wenig und ich versuchte so vorsichtig wie eben möglich eine andere etwas entspanntere Stellung zu erlangen.
“Rehwild in Neuseeland”…, mir fiel unsere Unterhaltung an jenem Abend als er mich ansprach wieder ein…. “Rehwild ist eine Pest hier in unserem Land,” hatte er doziert, nachdem ich gefragt hatte, ob es ebenso wie in Deutschland oder England Brauch sei, sich auf irgendwelche Ansitze zu hocken, möglichst noch direkt neben den dafür angelegten Futterweiden, um diese schönen Tiere dann einfach so zum Spaß abzuknallen, mehr wegen der Trophäen als wegen des Fleisches. Und “Nein”, hatte er weiter ausgeführt, es ginge nicht um die Geweihe, sondern reinweg um das Fleisch. Ich solle nur einfach mal mitkommen und würde dann schon sehen, was er meinte. “Irgendwann hat jemand beschlossen, man könne die Tiere hier züchten, ähnlich wie Schafe, von denen wir hier in Neuseeland bereits mehr als 60 Millionen auf den Weiden stehen haben. Und dann passierte das, was immer passiert, die Viecher brechen aus und verwildern. Vermehren sich wie Karnickel und das alte Land, wie es einmal war, gibt’s plötzlich nicht mehr. Genauso wie mit den Fichten und Tannen, die aus Europa hier eingeführt wurden. Die verdrängen nach und nach unsere natürliche Vegetation.” Mir war eingefallen, dass ich erst kürzlich einen Aufruf in der örtlichen Tageszeitung gelesen hatte in dem die Bevölkerung dazu aufgerufen worden war, am folgenden Wochenende in der Gegend um Lake Onslo möglichst zahlreich zu erscheinen um wild wachsende Fichten auszurotten. Er hatte lange gesprochen an jenem Abend, was völlig untypisch für ihn war, genauso wie die Leidenschaft mit der es versuchte zu erklären, eine Besonderheit, die ich erst Jahre später und nach vielen Jagdausflügen wirklich realisierte.
Während mir diese Gedanken durch den Kopf gingen, und ich meine Stellung etwas verbessert hatte, sodass das Blut in meinem Arm wieder zu zirkulieren begann, drehte sich der Hirsch etwas und bot mir nun sein Profil. Er hob den Kopf und gab Laut. Sein Atem schlug in der immer noch kühlen Luft an und mit dem hinter ihm aufsteigenden Dunst des letzten Taus wirkte er wie ein fast kitschiges Gemälde im Wohnzimmer meiner Großeltern. Meine Hände zitterten, ich tastete nach dem Sicherungshebel…, ja ich hatte entsichert und alles war bereit. Perfekt, den Druckpunkt an der ungewohnten Waffe finden, ruhig und tief atmen und beim Ausatmen über den Druckpunkt den Auslöser durchziehen, so wie ich es in den Schießübungen damals vor langen Jahren im Polizeitraining gelernt hatte. Aber irgend etwas wollte den Finger nicht weiter krümmen. Etwas sperrte sich. Es war nicht Mitleid oder Sentimentalität, auch nicht die Angst vorm Töten oder die Angst vor der finalen Entscheidung; es war etwas, das ich an jenem Tag überhaupt nicht hätte beschreiben können, und das mir erst jetzt beim Niederschreiben dieser Zeilen bewusst wird. Es war einfach überwältigende Hochachtung vor der Schönheit, der Kraft und der lebendigen Überzeugung der Natur, die meinen Finger vom Abzug weg führte. Die ihn den Sicherungshebel suchen und finden ließ, um das Gewehr wieder zu sichern. Die mich entspannen ließ, um nun ruhiger werdend, der Gruppe weiter zuzuschauen, bis sie sich, ich weiß heute nicht mehr wie lange es dauerte, irgendwann gegen den Hang wandte und langsam grasend weiter hinaufstieg, noch nicht einmal von den Schüssen, die, jetzt von John abgefeuert, durch das Tal hallten, beunruhigt oder gestört.