Hassliteratur im Spiegel

 

Der Spiegel, der sich ja seit einiger Zeit recht erfolgreich um die Meinungsbefreiung (übrigens nicht nur) der deutschen Leserschaft bemüht, wobei der englisch sprechende Teil wohl vernachlässigt werden kann, weil bei dem sprachlichen Dilettantismus der englischen Ausgabe kaum zu erwarten ist, dass überhaupt jemand liest, was da geschrieben wird, hat neulich in der online Ausgabe einen seiner Frontmänner in Sachen Hassliteratur eine Kolumne schreiben lassen zu den Büchern Thilo Sarrazins und dem neuesten Buch Akif Pirinccis “Deutschland von Sinnen”. Der, Georg Diez, hat auch Bücher geschrieben, die allerdings vermutlich, wie das heute von Intellektuellen genannt wird, meistens quergelesen wurden, was heißen will überhaupt nicht, was bei der Schlaftabletteneigenschaft des überaus nicht originellen Stils sehr verständlich ist. Der Effekt des Lesens seiner Bücher gleicht dem des Buchstaben Zählens, wobei bei letzterem doch zumindest eine Erkenntnis herauskommt.  Unter den übrigen Kolumnisten firmiert Diez als “Der Kritiker”, was darauf schließen lässt, das bei der Vergabe der Untertitel entweder die Phantasie mit ihm durchging oder er sie komplett verloren hatte und lediglich so etwas wie “Lederstrumpf” oder “Old Shatterhand” aus Kinderspieltagen bei ihm hängen geblieben war.

Nun ist es vermutlich nicht ganz falsch anzunehmen, dass die Mehrheit der Leserschaft Pirinccis und Sarrazins diese Bücher auch tatsächlich gelesen haben und dazu noch ohne das ihr dabei ständig der Kopf auf die Tischplatte knallte oder sie an anderweitigen Lähmungserscheinungen erkrankte. Das kann dann natürlich beim Kollegen Schriftsteller schon mal zu ein wenig Neid führen. Aber Spaß beiseite:

Für jemanden wie Georg Diez scheinen nach diesen Büchern die rechten Horden aus der Vergangenheit, ähnlich irgendwelcher Zombies aus ihren Gräbern, hochzusteigen und die freie, deutsche Michelwelt zu bedrohen zuförderst aber die politische Korrektheit, die es jedem, aber auch jedem verbietet anders zu Denken, anders zu Urteilen und, vor allen Dingen, anders zu Schreiben, als die vom Spiegel erfolgreich meinungsbefreiten Leser es verdienen. Was dem “Kritiker” in all den Jahren seines Recherchierens, seiner intellektuellen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit scheinbar noch nie gekommen ist, ist die Erleuchtung, dass es ja in allererster Linie nicht die prügelnden Horden waren, die den Nationalsozialismus groß gemacht haben, sondern eben die Schicht der Einflussreichen, der Intelektuellen, ja, dass der größte Teil der schrecklichsten Nazi Größen Intelektuelle waren. Und die gewaltbereiten, in seiner Kolumne noch nicht einmal näher bezeichneten Gruppen? Schichten? Horden? oder Vereinigungen, wo finden wir die? In Literaturveranstaltungen, Büchereien, Universitäten?Oder eher auf der Straße, in den sozialen Brennpunkten oder doch bei der nächsten NPD Versammlung in irgendeinem Kaff. Da kann man ihn eigentlich beruhigen, der Großteil dieser Leute wird die Bücher noch nicht einmal querlesen, geschweige denn versuchen Buchstaben zu zählen oder gar ein Kapitel zusammenhängend zu verstehen. Oder meint er die von ihm von vornherein verneinte schweigende Mehrheit, die sehr wohl in der Lage ist, zu verstehen, und die die Dinge ebenso sieht wie die beiden Autoren, und die Verkaufszahlen der Bücher genau diesen Fakt widerspiegeln?  In dem Fall hat er vermutlich einfach nicht mitgekriegt worum es eigentlich geht: um die ureigene Angst der Völker vor dem Verlust der eigenen Identität, deren Existenz und deren Protagonisten sich jedes Land, auch das noch so gewaltbereite totalitäre Regime erlaubt. Einem Engländer, einem Amerikaner oder einem Russen, ganz zu schweigen von einem Iraner oder Argentinier treibt das Gelächter Tränen in die Augen, wenn man ihm von diesen Büchern und den daraus resultierenden Diskussionen oder der tiefschürfenden deutschen Angst aus Diez’ Kolumne erzählt. Pirincci hat ein atemloses Buch geschrieben, das politisch unkorrekter nicht sein kann, aber es unter der Apostrophierung Hassliteratur zu besprechen verursacht genau das, was Diez Martin Walser zuschreibt: Die Selbstverletzung und die Wahnvorstellung umgeben zu sein von Feinden. Wobei man die Ernsthaftigkeit eines Walsers natürlich nicht vermengen sollte mit der pennälerhaften Wutentladung eines Autoren, der sich in Schülerzeiten mit dem schweren Stoff des Großkalibers deutscher Literatur rumkriegen musste. Warum nun in der Kolumne Sarrazin in die gleiche Kategorie wie Pirincci geworfen wird, der ja politisch alles korrekt, gar wissenschaftlich untermauert versucht darzulegen, kann wohl nur mit oben beschriebener Technik verschiedener selbstbekennender und bezeichnender Intellektueller, sich des sogenannten Querlesens zu bedienen, und dabei den ein oder anderen Fakt nicht mitgekriegt zu haben beschrieben werden.