Konfrontationsparlament

Vor einiger Zeit unterhielt ich mich mit einer gebildeten Frau über die Politik im allgemeinen hier im vereinigten Königreich. Meine Frage, was in der englischen Politik ihren größten Unwillen auslöst, führte zu einer Antwort, die ebenso überraschte, wie sie interessant ist. Hatte ich erwartet, die zu scheitern drohende Debatte über die Reform des Oberhauses, wäre Gegenstand ihrer Kritik gewesen, wurde ich ebenso enttäuscht, wie in der Annahme, die Behandlung Europas, die Sparmaßnahmen, die erst kürzlich von der derzeitigen konservativen Regierung beschlossen wurden, oder die Beschäftigungs-, die Bildungs- und die Verteidigungspolitik, könnten Gegenstand ihrer Kritik sein.
Nein, es ist der Fakt, dass es sich bei der englischen Variante des Parlaments um ein, und ich benutze hier ihre Worte, ” Konfrontationsparlament” handelt. Meine überraschte Frage, was denn nun ein Konfrontationsparlament ist, beantwortet sie mir mit den Worten: ” Die Politiker in unserem Parlament sitzen sich gegenüber, auf dieser Seite die Regierungsmitglieder, auf der gegenüberliegenden Seite die Oppositionellen , was bei den üblichen politischen Auseinandersetzungen, die an sich Diskussionen sein sollten, eher zu Wortgefechten führt , die in ihrer Ausführung Schmähreden gleichen. Die Situation, sich gegenüber zu sitzen getrennt durch ein Pult welches an eine Demarkationslinie erinnert, führt schon aus psychologischen Aspekten zu unnötiger Aggression, die seit je unser politisches Miteinander im Parlament prägt.”
Mein Einwand, dass unser Parlament in Deutschland, obwohl in einem Rund angeordnet, auch nicht gerade zu einer politischen Auseinandersetzungskultur führt, die man als moderner Mensch des 21. Jahrhunderts erwartet, beschied sie mit dem Hinweis, mir eine Debatte des deutschen Parlaments und anschließend eine Debatte des englischen Parlaments anzusehen und die beiden unter den genannten Aspekten zu vergleichen.
Und tatsächlich, selbst die permanente Floskel: Honorable Member in der Anrede des politischen Gegenüber, und die von uns Europäern so geschätzte Politeness ändert nichts an der Tatsache dass viele politische Debatten des englischen Unterhauses eher an Tumulte erinnern und eigentlich jegliche Wertschätzung und Respektierung des anders Denkenden vermissen lassen. Richtig ist, dass wir dieser Art des politischen Umgangs miteinander wohl auch in unserer Volksvertretung kennen, jedoch nicht in dem Maße, wie sie uns aus der englischen Volksvertretung entgegenschlägt.
Es mag mit dem Begriff “The Commons” zu tun haben, der ja übersetzt meint, die “Gewöhnlichen”, ein Begriff, den wir schon aus dem politischen Alltag der antiken Römer kennen, jene Politiker, die nicht den alten Adelsgeschlechten entstammten, ebenso wie hier im heutigen England, sich die noble Gesellschaft in einem Oberhaus findet, nicht gewählt sondern auf Lebenszeit ernannt. In diesem Zirkel sucht man vergeblich nach einer Streitkultur wie wir sie oben beschrieben haben. Hier herrscht die Noblesse, hier haben niedere Anfeindungen, dass Niedergrölen der jeweiligen politischen anderen Seite keinen Platz. Man ist sich seiner Position sicher, kein lästiger Wähler votiert am Ende einer vorgeschriebenen Amtszeit über das Wohl und Wehe der politischen Karriere, der politischer Einfluss bleibt ein Leben lang erhalten.
Und auch die letzte hitzige Debatte der “Niederen” im Unterhaus, die uns wieder vor Augen geführt haben mag, was jene gebildete Frau meinte, wenn sie von einem Konfrontationsparlament sprach, wird weder diese von ihr kritisierte unschöne Tradition beseitigen, geschweige denn die “Noble Clique”, die letztlich verantwortlich ist für das Minderwertigkeitsgefühl und dessen Ausdrucksweise durch das oben genannte Verhalten der in ihren Augen niederen Politikkaste.