Ökodiktatur?

Da kann einem schon mal vor Schreck die Pfeife ausgehen, der Kaffee kalt werden oder der Schweiß auf der Stirn gefrieren. Wer heute Morgen mal einen Blick in die Zeit online geworfen hat und zum Thema Klimaschutz die Überschrift “ Wir brauchen keine Ökodiktatur” las, dem ist unter Umständen neben dem Montags Blues auch noch die kalte Angst vor einem seit neuestem heraufdräuenden Diktaturwunsch in die Knochen gefahren. Man ist ja schon glücklich, nachdem man den Kommentar konsterniert abgehackt hat, dass der Autor zu dem Schluss kommt, wir bräuchten keine derartige Diktatur, das mulmige Gefühl jedoch, dass über derlei Unsinn ernsthaft nachgedacht wird, will sich nicht mehr verscheuchen lassen. Vor allem dann nicht, wenn man sich vergegenwärtigt, dass die letzte deutsche Diktatur nicht zuletzt eine von Intelektuellen angezettelte Diktatur war.

Allein der Gedanke an eine “ wohlmeinende“ Diktatur, natürlich (wie auch anders) zur Rettung der Welt (demokratische Verfahrensweisen greifen hier, offensichtlich auch nach der Auffassung des Autors, nicht mehr oder nur unzureichend) kann dem Leser das schreckliche Bild vergangener, durchaus wohlmeinender, angeblich menschheits- und gesellschaftsrettender Diktaturen vor Augen führen. Um im Bild zu bleiben genügt ein Blick in die unrühmliche Geschichte der katholischen Kirche. Man kann den Kirchenfürsten der vergangen Jahrhunderte vieles nachsagen, jedoch den tiefen religiösen Wunsch nach dem Seelenheil der mitunter bis aufs Blut gequälten Glaubensgemeinschaft kann man diesen Männern der ältesten Diktatur unserer Geschichte nicht absprechen. Selbst die Betrachtung der Inquisition, der Conquista oder des dreißig Jährigen Krieges unter macht- und geopolitischen Aspekten verdeckt nicht die grundlegende Sorge der Verantwortlichen um die seelische Gesundheit der ihr anvertrauten Gemeinschaft. Da wurde im Namen der Nächstenliebe munter gefoltert, im Namen der Barmherzigkeit tausendfach gemordet, im Namen der Vergebung verstümmelt und im Namen der Güte Gottes ganze Generationen in Knecht- Leibeigen- und Sklavenschaft gehalten. Es ist immer das gleiche Muster: Das Endziel ist gut, also müssen die Maßnahmen die zu diesem Endziel führen ebenso gut sein. Unbequem, manchmal grausam oder gar menschenverachtend, entschuldigen sich die Herren möglicherweise, aber immer mit der Maßgabe, den Menschen seinem unabänderbaren Ziel zuzuführen, dem Paradies. Dieser Endpunkt, einem Schriftstück angeblich göttlichen Ursprungs entnommen und damit der höchsten moralischen Instanz, dessen Unerreichbarkeit immer wieder mit allerlei Hokuspokus erklärt wurde und wird, galt allen nachfolgenden Diktaturen gleichermaßen als moralische Messlatte sozusagen, selbst wenn das Endziel eher irdisch paradiesischen Vorstellungen entsprach. Warum das bei einer Diktatur zum Schutz unseres Klimas anders sein sollte werden uns die David Shearmans dieser Welt vermutlich nicht erklären oder sie werden es uns erklären wie die gottesfürchtigen, aus Gründen des Seelenheils grausamen Kirchenfürsten. Übrigens zum Teil schon in der schwerterschwingenden Gemeinde der Klimaschützer angekommen, nämlich die Ansicht, das die Leugnung des menschenverursachten Klimawandels die wohl schändlichste Häresie dieser neuen Religion des vollkommen irdischen Paradieses darstellt. Man fragt sich bei der Diskussion, wie lange es wohl noch dauert, bis die ersten Scheiterhaufen aufgetürmt sein werden, wohlweislich mit hocheffizienten Filteranlagen ausgerüstet, und die ersten Häretiker einer sehr weltlichen Hölle entgegen schmoren. Und ist es nicht gerade knappe 80 Jahre her, das in Deutschland nach einer Diktatur gerufen wurde, das der Teufel beschworen wurde, der dann in seiner ganzen Furchtbarkeit sehr weltlich zuschlug, dass uns der Schwefelgeruch noch heute um die Nasen weht?