Projekt Macht:

Es war bereits ihre siebte Zigarette heute morgen. Der Aschenbecher links neben dem Monitor zeugte von einer langen und arbeitsreichen Nacht. Durch das geöffnete Fenster drang der spät morgendliche Duft, der unten an der Ecke, jetzt bereits geschlossenen, Chureria und versuchte sich gegen den Tabakqualm hier im Zimmer durchzusetzen. Mopeds knatterten die Straße hinunter, von etwas weiter konnte man Hundegebell hören und das Weinen eines Kindes. Estefania streckte ihren Rücken, klemmte die Kippe zwischen die Lippen, angelte mit der Rechten nach der Tasse mit dem Kaffee und zog mit der linken Hand den Aschenbecher näher zu sich heran. Die letzten Zeilen gefielen ihr nicht; zu ungenau, zu oberflächlich und nicht auf den Punkt gebracht. Sie würde den ganzen Absatz später neu schreiben, wer weiß vielleicht würde sie die ganze Story neu eintippen. Für jetzt wollte sie Schluss machen, ein Bad nehmen und Bruno anrufen. Möglicherweise fiel dem das ein oder andere zu ihrem Artikel ein und sie brauchte nur einige Sätze zu ändern. Mit dem unzufriedenen Gefühl, etwas nicht erledigt zu haben, das längst hätte erledigt sein sollen, ließ sie sich ein Bad ein nachdem sie den Rest ihrer Zigarette dem überfüllten Aschenbecher anvertraut hatte. Nachdem das Bad eingelaufen war, brauchte sie eine Weile, das Telefon zu finden, das sie schließlich unter dem Bett hervor zog. Es musste wohl gestern Abend, nachdem Sie mit Paola geredet hatte aus dem Bett gefallen sein und sie hatte mit dem Fuß versehentlich dagegen getreten. Wie sollte es sonst unter das Bett geraten sein? die Überlegung hatte sie abgelenkt und sie beschloss Bruno später anzurufen. Auf dem Weg ins Bad hörte sie den kleinen leisen Laut des Computers, der ihr eine neue Mail ankündigte und sie passierte die Tür zum Badezimmer, öffnete das e-mail Programm und zündete sich eine neue Zigarette an.

Mail Salvador Alvarez Martin

Estefania betrachtete die Zeilen noch eine Weile, schüttelte dann langsam unwillig den Kopf und schloss das Programm. Sie ging ins Bad, ließ sich in das warme Wasser gleiten und legte sich den in kaltem Wasser getränkten Waschlappen übers Gesicht. Sie sollte Paola anrufen am Nachmittag, vielleicht konnte sie sie überreden zu einem gemütliches Abendessen bei Pedro und später zu ihr Estefania. zu Paola wollte sie nicht gehen, auf gar keinen Fall, die hatte ihre Mutter da seit einigen Wochen und Doña Anita konnte nicht nur eine Kreissäge sein, sie war auch stock konservativ und würde bestimmt eine gewaltige Szene hinlegen, wenn sie erfahren würde was die beiden Freundinnen verband. Estefania stellte sich die Alte vor, wie sie auf dem Boden liegend, mit den Fäusten gegen den kalten Marmor schlagend, Gott und alle Heiligen im Himmel neben dem Papst und seinen Bischöfen und Kardinälen anrufen und alle Laster dieser Erde verfluchen würde, nachdem sie die beiden jungen Frauen im Bett Paolas vorgefunden hätte. Nein, wenn Paola für heute Abend frei sein sollte, dann brächte sie sie hier in ihre Wohnung. Alles könnte doch so einfach sein, begann eine neuer Gedanke, als das Telefon läutete. Es war ihr Handy und sie fragte sich, ob es Bruno sei. Nach dreimaliger Wiederholung des Ringtones verstummte es und sie entspannte sich wieder ein wenig. Es dauerte jedoch nur einen kurzen Augenblick, als es von neuem begann. Wieder wartete sie die drei Töne ab und versuchte sich erneut zu entspannen. Wieder begann es nach einigen Minuten. Ihre Ruhe war unterbrochen, sie wusch sich, trocknete sich nur oberflächlich ab und wickelte sich in das Badetuch, um auf dem Display zu sehen, wer da so ungeduldig war. Wie sie gedacht hatte: Bruno. Sie ging in die Küche, schüttete sich einen Kaffee ein und wollte gerade seine Nummer wählen, als es erneut klingelte. “Diga?”
“ich bin’s Bruno, das ist ja schwierig dich an den Apparat zu kriegen, ich wollte schon ins Auto steigen und rüberkommen, um zu sehen….”
“Was ist denn so verdammt wichtig, das du mich noch nicht mal in Ruhe ein Bad nehmen lassen kannst?” Sie lächelte, als sie das sagte und als würde er ihre Gesichtszüge vor sich sehen erwiderte er in dem gleichen heiteren Ton: “Was, um diese zeit baden, da arbeiten andere!”
“Andere?” Estefania spielte Entrüstung, “seit wann vergleichst du mich mit anderen, mit langweiligen anderen.”
“Ich meinte damit eigentlich mich”, er hatte sich bei einer läppischen Phrase erwischt und es war ihm für einen Augenblick peinlich.
“Papperlerpapp”, sagte Estefania, “was gibt’s?”
“Dein Typ ist heute eingetrudelt und jetzt lass ich dich mal raten wo der sich einquartiert hat?”
“Und?” Sie schlürfte an ihrem Kaffee.
“Bei unserem zweitbesten Freund Gonzales, in dessen Villa.
“Wie hast du’s rausgekriegt?”
“Meine beiden Amigos aus der Schweiz, die auch schon mal der Presse ihre Tipps verkaufen haben es so ganz nebenbei erfahren. Da waren die Sicherheitsleute mal wieder so übereifrig, dass man schon mit der Nase drauf gestoßen wurde.”
“Treffen wir uns, sagen wir um halb vier, in Puerto Banus und sehen mal was wir so ausfindig machen können?” Estefania war schon zum Computer gegangen und hatte bereits die ersten Zeilen getippt.

Blogeintrag am 20.4.2013

Sie sah auf die Uhr. 12.30 Uhr, sie zündete sich eine Zigarette an, schaute aus dem Fenster und ihr Blick fiel auf den Orangenbaum unten in der Gasse. Die seltsame e-mail von vorhin fiel ihr wieder ein. Wie hieß der noch, oder wie nannte der sich Salvador Alvarez Martin. Sie würde Bruno später damit beauftragen etwas über diesen seltsamen Heiligen herauszufinden.