Selbsttherapie

Nun muss ich ja zugeben, dass der Augenblick meines derzeitigen mentalen Tiefpunkts durchaus mit dem Umstand zu tun haben kann, dass ich in England lebe. Ich hatte ja bereits in einigen Beiträgen meines politischen Tagebuchs von bspw. der Apfelsinen Connection” , jener möglicherweise geheim und versteckt arbeitenden Lebensmittelhändler Mafia auf der Insel berichtet. Aber für solche schwerwiegenden Fälle kennen wir ja alle (so hoffe ich) jemanden, wie meine gute alte Freundin Susanne, die sich seit Jahren intensiv mit therapeutischem Tanzen (meist für Frauen) aber seit einiger Zeit auch mit solchen Kursen wie “Bei uns darfst du auch schon mal weinen”, speziell für Männer beschäftigt. Nach einem langen Gespräch am Wochenende, das sich aber auch mit ganz normalen Themen befasste, wie die “Gesundheit der Psyche durch Verzicht” ( auf was habe ich noch nicht so genau herausgefunden) konnte sie mich dazu überreden, es mit einem Selbstmantra zu versuchen. Die auswendig zu lernende Zeile geht wie folgt: Ich denke positiv, ich fühle positiv, ich handle positiv. Bereits nach einigen kurzen Anläufen, so versicherte mir meine Freundin, würde sich der Erfolg ganz von selbst einstellen. Ich würde schon nach der ersten Anwendung eine Verbesserung meines Zustandes feststellen können, würde ich es nur ernsthaft genug, und in der Wiederholung häufig genug einsetzen. Die Bedeutung lag auf “Häufig” genug, was eigentlich den ganzen Tag über bedeutete.
Nachdem sich also heute morgen nach kurzem Blick aus dem Fenster der Regenblues mit der Heftigkeit des Niederschlags, der nebenbei bemerkt hin und wieder in Schnee überging, einstellte, war es dann soweit. Ich habe mir ein heißes Bad eingelassen, mich völlig entspannt für gute 45 Minuten mit meinem neu erlernten Selbstmantra der zu erwartenden Selbstheilung hingegeben. Den Umstand, dass mir danach bei dem Versuch des Rasierens der Pinsel aus der Hand klatschte, dabei der porzellanene Griff zerbrach und das Badezimmer nebst meinen Beinen übersät war von kleinen unangenehmen Splittern, konnte ich noch mit Fassung aufnehmen und das Mantra trotzdem weiter in meinem Kopf wälzen und drehen. Auch als ich nach der Beseitigung des Schadens im Wohnzimmer den verbrecherischen Mops bei der Verwüstung des Sofas antraf, blieb ich geduldig bei meiner mittlerweile offensichtlich tief verwurzelten Zeile. Erste rhythmische Störungen stellten sich bei dem Versuch ein, die Kaffeemaschine neu mit Wasser zu befüllen. Der abnehmbare Behälter fiel auf die Anrichte und setzte die Kaffeemühle unter Wasser, die seitdem Kaffeebohnen einweicht anstatt sie zu mahlen. Bei der Aussicht, auf den heutigen Kaffee verzichten zu müssen und dem Versuch, eine Apfelsine zu schälen, die erfreulicherweise in einer etwas normaleren Form zu erhalten waren am letzten Samstag, stellte ich dann allerdings recht schnell fest, dass die Größe der Orangen hier in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Verrottungsfaktor steht. Vier der letzten fünf Früchte waren komplett verfault in den letzten beiden Tagen. Hier fiel ich gänzlich aus dem Takt meiner einstudierten Zeile, die sich immer wieder irgendwelche Wörter gefallen lassen musste, die ich hier lieber nicht wiederhole. Die letzte übrig gebliebene Apfelsine entpuppte sich (ich hatte es bereits geahnt) als ein Klumpen faulendes Heu, obwohl in der Schale immer noch gut erhalten, was letzten Endes zu meinem heutigen Vorsatz geführt hat, Susanne noch einmal anzurufen und sie nach etwas Handfesterem zu fragen: Ich denke da an so etwas wie ein sexualmagisches Mantra. Vielleicht hilft das ja.