Über die Bedeutungslosigkeit

Ich hab es mir ja lange erspart, darüber zu schreiben, nicht weil es mir unangenehm wäre, oder es mich selbst betrifft. Eher weil selbst die Auseinandersetzung mit dem Thema ebenso bedeutungslos wird, wenn man ans Ende seiner Betrachtungen gelangt. Das macht depressiv, zieht runter und entmutigt wie die Aufforderung zur Steuernachzahlung oder mehr noch, wie die Mitteilung des Hausarztes, dass man an Krebs erkrankt ist und nur noch ein paar Monate hat, die womöglich im Dämmerschlaf irgendwelcher Drogen vergehen werden. Wo wir bei Dämmerschlaf sind, eigentlich gar nicht so eine schlechte Vorstellung. Aber lassen wir das, es führt eben dahin, letztendlich in die Bedeutungslosigkeit.  Wenden wir uns lieber den harten Fakten, den knallharten Fakten zu, die wie die Steuererklärung keinen Weg offen lassen,  keinen Ausweg, kein Schlupfloch und kein Entrinnen. Nehmen wir Marko Schulz, aus der Jahnstraße 37, in Hemer, Zentrum des Arsches der Welt, der mit 42, zwei Kindern, einer Frau, die, man staune, ihn immer noch liebt, zu ihm hält und immer noch mit ihm durch Dick und Dünn gehen würde. Marko ist Filialleiter eines Einzelhandelsgeschäftes am Ort, verdient ordentlich, hat was auf der hohen Kante, der Wagen vor dem Haus ist bezahlt, die Kinder gehen zum Gymnasium bzw. zur Uni, und der nächste Urlaub wird dieses Mal Borneo sein, wo nur die beiden Eheleute ohne Kinder eine wunderschöne Zeit verbringen werden. Ganz selten allerdings, und man muss das Wort “Nur” vor den Anfang dieses Satzes stellen, um die Bedeutung zu unterstreichen, passiert es Marko, dass er in der Nacht aufwacht, er ein wenig unruhig wird und er sich fragt, “W A R U M?” Da sind dann alle möglichen Vorstellungen verbunden mit diesem Fragewort. Zum Beispiel fragt er sich dann in diesen seltenen Momenten, “warum habe ich nicht damals, als es noch möglich war, eine geisteswissenschaftliche Ausbildung gewählt, oder wenigstens Journalismus studiert?” Und er mag an Georg Diez denken, der heute beim Spiegel schreibt und das viel beachtete Buch geschrieben hat: “Der Tod meiner Mutter”. Nicht das ihm, Marko, das Buch gefallen hätte, geschweige denn, er es zu ende gelesen hätte. Nein, einfach der Umstand, dass er es fertiggebracht hat ein Buch zu schreiben, Bedeutung erlangt zu haben. Was ist denn mit ihm, Marko Schulz, wer wird denn in Jahren noch nach ihm fragen, nach dem, was er geleistet hat, außer, dass er die Werbekampagne mit den beiden jungen Mädels aus dem Ort angeleiert hatte, die der Filiale eine 12 prozentigen Umsatzsteigerung brachte und das auch nur für eine kurze Zeit. Hätte er nicht auch so etwas fertig bringen können, etwas, dass nach seinem Tode noch Bedeutung hat. Der Tod fällt ihm übrigens in der letzten Zeit häufiger ein, weil sein Vater vor kurzer Zeit beerdigt wurde und Marko sich bei einem Besäufnis einige Zeit nach der Trauerfeier gar nicht darüber beruhigen konnte, dass sein Vater trotz all seiner Leistungen, die er nicht zuletzt für ihn, den einzigen Sohn erbracht hatte, in ein paar Jahren noch irgend jemandem in den Sinn kommen sollte. Ich werde ihn nie vergessen, solange ich lebe, hatte er sich geschworen und gleich bei dem Schwur festgestellt, “und was ist nach meinem Tod?”

Verlassen wir den armen Marko in einer seiner schlaflosen Nächte und schauen wir uns den Spiegelschreiber an. Wenn er nicht ganz besoffen und förmlich ertränkt in der Selbstzufriedenheit des vermeintlichen Intellektuellen, jeglichen Bezug zu Realität verloren hat, wird er sich in seinen schlaflosen Nächten fragen, warum es bei ihm nicht zur Güte eines Günter Grass gelangt hat oder der fraglichen Güte, mal abgesehen vom Alter, eines Joschka Fischers oder womöglich eines Obama, eines Cäsars, wenn denn schon Alter keine Rolle spielt. Letzterer soll ja auch seine schlaflosen Nächte gehabt haben und bei der Durchdeklinierung lateinischer Werben im Feldlager über Zweifel an der eigenen Bedeutung in der Geschichte gehabt haben. Und vorher, bevor er auszog, der berühmteste General zu werden, auf dem “Faulbett der Poesie”, wie Mommsen schreibt, beim Verfassen irgendwelcher, vermutlich nur für ihn, wichtigen Gedichte, mehr noch als in der späteren Zeit. Obwohl der ja aus einer Patrizier Familie stammte und damit schon quasi von Haus aus mit Bedeutung gesegnet war. Aber das ist ja bekanntlich, wie uns die Geschichte zeigt, nachgerade die dümmste Eitelkeit, der wir anheim fallen können. Denn wer erinnert sich denn heute noch der Sippschaft, die irgendeinen wichtigen Mann oder eine wichtige Frau hervorgebracht hat.  Wie überhaupt der Gedanke an solcherlei Unsinnigkeiten weder einem Marko Schulz noch einem Georg Diez, noch einem Julius Cäsar irgend etwas verbessert hätte, geschweige denn, die Geschichte der Welt verändern würde, mal abgesehen vom dem Augenblick, wo ein Autor sein eigenes Buch in Händen hält oder ein Feldherr einen triumphalen Einzug in die Heimat erfährt. Es ist doch eigentümlich, dass wir (fast) alle an die Evolution glauben, an die Herkunft des Universums durch einen Urknall, an die, die menschliche Vorstellungskraft übersteigende Größe des selben, uns aber partout nicht vorstellen können, dass die Menschheit endlich ist und damit jegliche Bedeutung, die der Einzelne je erlangt hat. Die Geschichte ist da gnadenlos und nur ein trauriger zu Depressionen verurteilter Narr kann wirklich glauben, er oder sie hätte irgend einen Einfluss  auf sie, ganz gleich ob es sich um den vom großen Patrizier Geschlecht abstammenden Feldherrn und Monarchen oder um Marko Schulz handelt. Wir glauben der Wissenschaft, wenn sie uns Geschichte nacherzählt und zu beweisen versucht, das die Gründe für den Ablauf der Ereignisse, beispielsweise die Auslöschung der Dinosaurier durch einen Meteoriten Einschlag, diese oder jene sind, wir beginnen aber zu phantasieren,  wenn es darum geht, uns vorzustellen, dass an irgend einem Tag, in irgendeinem Jahrtausend, dieser Planet, ja dieses Sonnensystem aufhört zu existieren. Da werden dann sogar glasharte Wissenschaftler von sentimentalen Gedanken weichgespült und stellen sich unter anderem vor, die menschliche Rasse würde in der Lage sein, sich auf einem anderen Planeten eine Heimatstatt zu suchen und zu finden. Es kann eben nicht sein, was nicht sein darf, denn damit wäre nicht nur die Bedeutung des Einzelnen in Frage gestellt sondern die Bedeutung einer ganzen Spezies. Was aber, und damit kommen wir wieder zu den harten Fakten, ist die Bedeutung dieser Spezies Mensch, sieht man mal ab von den naiven Vorstellungen der Weltreligionen, nach denen die Bedeutung in nichts anderem begründet liegt, als den Göttern wohlgefällig zu sein, um in eine andere, heilere und einfacher zu verstehende Welt zu wechseln. Eigentlich das gleiche Prinzip nur Wissenschaftler durch Priester ausgewechselt und einige Begriffe verändert. Am Ende steht der Mensch als unendlich da, immerwährend an der Seite der Götter, aber eben völlig unbedeutend.