Von philippinischen Zuständen

Gestern Abend zu später Stunde brachte die BBC den Bericht einer Auslandskorrespondentin über die Philippinen. Bilder von unendlicher Armut flackerten über den Bildschirm, wie wir sie ebenso aus Indien und Teilen Afrikas kennen. Kinder, die an “normalen Tagen” in den Abfallhaufen der großen Städte nach irgendetwas verwertbarem, nach etwas (und sei es noch so schlecht, so abgenutzt, so schäbig und so dreckig) verkaufbarem durchwühlen. Schmutzige, barfüßige, abgemagerte und bedauernswerte Geschöpfe, die, wenn die Eltern Glück haben und es sich erlauben können, an den nicht “Normalen Tagen” zur Schule gehen können. Einen Tag im Monat, im halben Jahr oder manche niemals.
Und als Vomitiv diente dem bewusst Zuschauenden diesmal nicht der vorweg gesendete Beitrag in dem der weltjettende kanadische Kinobesitzer über “Holywoodkunst” schwafelte, auch nicht die geschmacklose Halsketten produzierende Mittdreißigerin, die allein durch ihre Erscheinung hervorragend dazu geeignet schien. Nein diesmal war es der Bischof Manilas, der beringt, goldbehängt und grinsend von der Notwendigkeit der christlichen Werte in brillantem Englisch fabulierte und der philippinischen Regierung dringend von dem Vorhaben abriet, Verhütungsmittel, nicht nur frei anzubieten, sondern die überwiegend streng katholisch gehaltene Bevölkerung zum Verzicht aufzufordern und streng nach den Lehren der katholischen Kirche zu leben.
“…Zwischen der Welt der Bettler und der Welt der Reichen ist der verhängnisvolle Gegensatz durch nichts vermittelt oder gemildert. Je deutlicher und peinlicher er auf beiden Seiten empfunden ward, je schwindelnd höher der Reichtum stieg, je tiefer der Abgrund der Armut gähnte, desto häufiger ward in dieser wechselvollen Welt der Spekulation und des Glückspiels der einzelne aus der Tiefe in die Höhe und wieder aus der Höhe in die Tiefe geschleudert. Je weiter äußerlich die beiden Welten auseinanderklafften, desto vollständiger begegneten sie sich in der gleichen Vernichtung des Familienlebens…
…wo in ganz ähnlicher Weise das allmächtig regierende Kapital den Mittelstand zugrunde gerichtet, den Handel und die Gutswirtschaft zur höchsten Blüte gesteigert und schließlich eine gleißend übertünchte sittlich und politische Verwesung der Nation herbeigeführt hatte…”
Diese Sätze wurden vor 137 Jahren von Theodor Mommsen geschrieben und beschäftigen sich mit dem sittlichen Verfall des antiken Roms kurz vor der Machtübernahme Caesars, die Zeit die er die Zeit der Oligarchie nennt. Sätze, die, wären sie moderner formuliert, aus einem heutigen Aufsatz oder eines heutigen Essays stammen könnten und genau das gleiche beschreiben. Die Fragen im Zusammenhang mit beiden beschriebenen Tatbeständen müssen erlaubt sein: Ist die Welt verlassen von Geisteswissenschaftlern, die neue Gesellschaftsmodelle entwickeln? Sind die Religionen dieser Welt so mächtig, dass neue Gesellschaftsmodelle mit dem stetigen Hinweis auf den Niedergang der jeweiligen Kultur kassiert werden oder erst gar nicht entwickelt werden können? Vermutlich wird niemand widersprechen, wenn ich behaupte, das derzeitige oder sagen wir vielleicht sogar, die derzeitigen Gesellschaftsmodelle, auch wenn sie sich in Wirklichkeit kaum voneinander unterscheiden, haben auf allen Linien versagt. Insbesondere, wenn wir auf die Zustände des oligarchischen römischen Systems vor über 2000 Jahren schauen und es mit der heutigen Zeit weltweit vergleichen. Das antike Reich Rom war das, was wir heute die globalisierte Welt nennen, in der sich eigentlich nichts anderes abspielt als in jener lang zurückliegenden Zeitepoche. Und wieder sehen wir, schauen wir auf die Gesellschaften weltweit, den gähnenden Abgrund, der sich zwischen Arm und Reich auftut und mittlerweile selbst die arrogantesten und heuchlerischsten der modernen Nationen nicht nur spaltet sondern sie in ihrer Existenz bedroht. Es ist vermutlich der wohl unverzeihlichste Fehler den sich die geisteswissenschaftliche Elite in allen Weltteilen gefallen lassen muss. Allein für die Zuweisung billiger Forschungsaufträge, den schnöden Mammon der Kirchenfürsten scheint jene Kaste bereit sich in den alten ungelüfteten Betten der ewig dagewesenen und immer wieder über die Jahrhunderte widergekäuten Lehren, Dogmen, Sophisten und wohlfeiler Lehrsätze zu wälzen, ohne jemals auf die Idee gekommen zu sein etwas Neues, etwas frisches, modernes, der Zeit entsprechendes anzupacken. Es scheint, als hätte jene Nostalgiewelle, die uns zwar schöne Innenstädte beschert, die jedoch in keiner Weise zweckmäßig für heutige Verhältnisse sind, auch diese Wissenschaften gepackt, sie solange bearbeitet bis auch aus dieser nichts als Gestriges herauskommt. Vielleicht ist das der Fluch der Moderne, dass, wie in der Musik, alles aus diesen acht Tönen und fünf Zwischentönen herausgeholt wurde und es offensichtlich keine wirklich neuen Kompositionen mehr geben kann. Jedoch, und da bin ich ganz gegen meiner sonstigen Ansichten Utopist und glaube, dass immer noch wieder ein Genie geboren werden kann, dass uns etwas Neues, etwas nie Dagewesenes beschert, selbst wenn es unvollkommen ist und erst durch die Nachwelt zu etwas wird, dass spätere Generationen perfekt nennen.