Waldorf und Montessori Kindergarten Journalismus

Journalismus ist ja eigentlich eine ernste Sache oder sollte es zumindest sein. Beim Spiegel der heutigen Zeit hat man eher das Gefühl, eine Spaßtruppe, die ihre Kindergartentage lustig weiterlebt, stümpert sich frohgemut durch das weite Feld der Wissenschafts- oder gar der Politikberichterstattung. Wie immer sind dazu die Kommentare der Leser aufschlussreicher und vermitteln nicht selten mehr Wissen als der eigentliche Artikel. In den letzten Tagen durften Spiegel Konsumenten wieder einmal die Ergüsse einiger dieser selbsternannten Journalisten Spezies lesen, deren Qualität eher an Klassenaufsätze 10 Jähriger erinnern, wobei man einem 10 Jährigen vermutlich Unrecht zufügt, wenn man die vorliegenden Elaborate liest.

Da wurde uns beispielsweise von einer Angelika Franz so schöne Artikel wie: Simulation soll Cäsars Kriegsbericht prüfen oder: Römer riskierten Bleivergiftung angedreht. Erhellend kann da schon die Selbstbeschreibung der Autorin wirken: Angelika Franz ist Archäologin. Als freie Autorin schreibt sie meistens über Kriege, Seuchen und alles, was verwest, verrottet und verfallen ist. Trotzdem ist sie keineswegs morbide veranlagt, sondern findet vielmehr, dass Archäologie die praktischen Dinge des Lebens lehrt. Bei Bedarf kann sie ein Skalpell aus Flint schlagen, in einer Erdgrube Bier brauen oder Hühner fachgerecht mumifizieren.” Sie sollte sich in der Hauptsache der Kunst des Bierbrauens widmen, sofern sie ihr Produkt alleine und ausschließlich selbst genießt, denn schauen wir uns den Kommentar eines Wissenschaftskollegen im Forum zum Thema “Römer riskierten Bleivergiftung” an, zeigt sich uns das ganze Unbehagen des wirklichen Wissenschaftlers bei der Lektüre des offensichtlich weder recherchierten, noch reflektierten Artikels.  “christiewarwel 25.05.2014

Und was, wenn bleiverarbeitendes Gewerbe seine Abwaesser mit dem Blei in den Tiber eingeleitet hat? Schoene Studie. Und das in PNAS, dem Journal mit dem 3.hoechsten Impaktfaktor! Als Wissenschaftler kommt mir bei so was die Galle hoch.” Oder ein Auszug aus einem anderen Eintrag: Martin Jost 25.05.2014

Für den größten Mangel der Studie halte ich die Folgerung, dass das im Sediment des Hafenbeckens gemessene Blei aus Wasser stammt, das vorher durch die Trinkwasserleitungen der Stadt geflossen sein muss. Aus dem Blei im Tiber und Hafenbecken auf den Bleigehalt des Frischwassers zu schließen ohne auf andere Möglichkeiten zu verweisen, wie das Blei da hin gekommen sein kann, wäre extrem unsauber und methodisch albern.

Dabei braucht es noch nicht einmal einer wissenschaftlichen Ausbildung, jeder Klempner hätte der Autorin erklären können, das Trinkwasser bis in die 60iger 70iger Jahre in Deutschland durch Bleileitungen floss und dass Kalkablagerungen zwischen der Bleiwandung und dem Wasser eine Kontaminierung des Wassers verhindern. Aber wo wäre der Spaß und der Leser fragt sich, wie viele Hühner die Autorin wohl mumifiziert hat bei der Recherche zum Artikel.

Im nachgelegten Artikel über die sensationelle Simulation, die Cäsars Kriegsbericht prüfen soll fragt sich Angelika Franz allen Ernstes:

“Am Ende will er eine Schätzung haben, wie viele Kalorien den Helvetiern insgesamt zur Verfügung standen – und wie viel Stress es für sie bedeutete, ihren Lebensunterhalt zu sichern. “Falls Cäsar mit der Anzahl der Helvetier übertrieben hat, wird der Stresslevel sehr hoch sein”, meint Whitley. Gab es dagegen Nahrung genug für alle, bleibt die Frage, warum der Stamm seine Heimat überhaupt verlassen wollte. Geriet er vielleicht unter Druck von germanischen Stämmen nördlich des Rheins? Oder brachen die Handelbeziehungen zu den Allobrogern ab, als sie von den Römern unterworfen wurden?”

Dabei hätte ihr ein Blick in die einschlägige Geschichtsliteratur die Augen öffnen können. Es waren die germanischen Stämme, die die Helvetier dazu bewogen, ihr Land zu verlassen. Aber natürlich können einem schon mal die Fakten abhanden kommen, wenn man zuviel vom Erdgrubenbier genossen hat.

Ernster wird es in der internationalen Politikabteilung des Blattes, zumindest für uns Leser, denn auch hier scheint der Spaß der Autoren an ihrem Geschreibsel mehr zu wiegen, als der Inhalt oder gar die Erinnerungsarbeit der jeweils schreibenden Kindergartentruppe. Unter dem Artikel “Neue US Außenpolitik –  Die Obama Doktrin” findet der konsternierte Leser folgende Sätze:

Unter dem Eindruck eben dieses sinnlosen Kriegs hat Obama die USA bisher unter allen Umständen aus dem syrischen Bürgerkriegheraushalten wollen – und dafür sogar eigene rote Linien kassiert. In West Point nun müht er sich offensichtlich, jenseits direkter militärischer Verwicklung Signale des Engagements zu senden: Man werde syrische Oppositionsgruppen künftig stärker unterstützen, sowohl gegen Assad als auch gegen radikalislamistische Gruppen.

Wer sich recht erinnert, dem wird vermutlich im Gegensatz zu dem Autoren des Artikels, die sinnlose Verrennungspolitik der amerikanischen und englischen Administration in Bezug auf wen oder was sie ihre militärischen Hilfsmaßnahmen richteten eher im Gedächtnis geblieben sein, als ein “sich unter allen Umständen herauszuhalten”. Möglicherweise hat auch dieser Autor vom Erdgrubenbier genossen und zwar in solchen Mengen, dass das Kurzzeitgedächtnis komplett ausgelöscht wurde, denn der amerikanische Weg zurück zur Vernunft gelang bekanntlich unter gesichtswahrender Vermittlungen des heute als durchaus böse dargestellten neuen Zaren Russlands, den ja viele der Spaßautoren beim Spiegel unter nachgeplapperte, amerikanische Vorfertigungen stecken.

Die Hoffnung liegt auf den Lesern und die vergessen glücklicherweise nicht ganz so schnell wie ein Blick in die Kommentare des Forums zeigt:

28. Also vor nicht mal sechs Monaten konnten die USA nicht mal die Rentenbeiträge zahlen

WernerT gestern, 23:18 Uhr

[Zitat von muellerthomasanzeigen…]

Schon vergessen, jedes Unternehmen / jeder Verein wäre in dem Fall bankrott.