Was ich auch schon immer mal sagen wollte…

Im heutigen Guardian wundert sich ein Kommentator über die seltene Einigkeit der Parlamentsabgeordneten, die in der gestrigen Fragestunde zu den Zuständen im Stafford Hospital eher an eine Truppe trauriger Selbstbezichtiger erinnerten. Von Fehlbehandlungen ist da die Rede, die BBC interviewed eine Betroffene, die dann auch gleich Wiedergutmachung anmahnt aber natürlich in erster Linie die Bestrafung der zuständigen Krankenschwestern, Ärzten usw. , natürlich. Die Entschädigungszahlungen, die sie erwartet, verschweigt sie hier auf diesem Podium. Das kommt dann später, wenn sie BGR Bloomer oder eine ähnliche Anwaltskanzlei damit beauftragt, diese für sie einzuklagen.
Da wird dem Zuschauer das Knöchelchen hingeworfen, um das er sich mit Anwaltsagenturen wie BGR Bloomer (You might get compensation ist der Werbeslogan) prügeln kann, um dann wie Hunde, gemeinsam auf das NHS, das hiesige Gesundheitssystem, loszugehen. Und natürlich vergisst der Kommentator hier die wirklich wichtige Frage zu stellen, warum ist das hiesige Gesundheitssystem nie wirklich reformiert worden bzw., warum lassen sich Politiker von einer aufgebrachten Meute, angeführt von einer lauthals schreienden Presse vor sich hertreiben anstatt die wohl bekannten Ursachen für derartige Vorkommnisse kühl zu analysieren.
Ich denke ähnliche Dinge passieren in Deutschland genauso.
Es interessiert nur am Rande, wenn die Bank of Scotland und die Barclays Bank zu Strafen in Millionenhöhe verurteilt werden, weil sie den LIBOR gedreht und manipuliert haben. Kein riesiger Aufschrei, kein Interview mit einer empörten Fehlberatenen aus dem System, der es ganz offensichtlich eher um die Entschädigung geht, als um die Fehlberatung und damit dem Betrug an ihrer Mutter vor 20 Jahren. Kein Geschädigter dieser Institutionen der vor laufenden Kameras der Fernsehsender nach Rache dafür schreit, dass er sein Geld verloren hat, seinen Job, seine Lebensgrundlage. Niemand schert sich darum, das S&P, jene unsägliche Rating Agentur um des schnöden Profits Top Ratings für faule Produkte abgegeben hat, das möglicherweise Griechenland oder Spanien durch diese Agenturen aus reiner Geldgier in den Abgrund getrieben wurden. Denn, das ist wohl jedem klar in den heutigen Gesellschaften, von denen ist nichts zu hohlen. Da gibt es keine Entschädigung, die werden ihre Strafen still bezahlen, ohne jede Aufregung, ohne jeden Versuch die Strafen anzufechten, denn das wird bei denen vermutlich aus der Kaffekasse bezahlt, und da wird dann auch der Geschädigte genau so still über seine Verluste weinen, ganz ohne Aufregung in Presse und Fernsehen. Dabei haben wir es in der Hand. Jeden Tag sehe ich Einträge auf Facebook, eingestellt von wohlsituierten Leuten, die sich in vielen Fällen im Umweltschutz engagieren, in der Occupy Bewegung, in Frauenbewegungen, in Hungerhilfen, in Katastrophenhilfen, in Gesundheitsbewegungen, in Ernährungsorganisationen; die täglich wohlmeinende Ratschläge erteilen, wie man die Welt verbessern könnte. Keiner von uns kommt offensichtlich auf den Gedanken, sein oder ihr Sparguthaben von der Bank abzuheben, nur so, für ein paar Tage, ein paar Wochen oder Monate und es wie in guten alten Zeiten unter die Matratze zu legen. Ein Schritt, der, würde er konsequent von vielen gegangen, dieses neue Apartheitssystem genauso ins Wanken bringen könnte, wie das damalige Apartheitssystem in Südafrika durch den konsequenten Verzicht auf Warenprodukte des Landes ins Wanken geriet. Macht aber keiner, immer mit der heuchlerischen Ausrede: “Ich hab doch nichts auf der Bank!” Ich weiß, das Wort Spießer ist aus der Mode gekommen, vermutlich mit gutem Grund, denn diese Gattung Mensch ist als die Materialisierung des Wohlmeinenden, des Guten, des Erstrebenswerten, Umweltbewussten zusammen mit der Manifestation des Mittelmaßes in unser aller Köpfe angekommen. Der heutige Spießer reist nach Sri-Lanka, auf die Galapagos, Sumatra, Mali und den zweiten Urlaub im Jahr verbringt er oder sie in der Toskana, auf Malta oder in den französischen, italienischen oder den schweizer Alpen. Er ist umweltbewusst, trennt Müll, und spendet an alle möglichen Wohlfahrtsorganisationen, die die Welt der Gutmenschen jemals hervorbringen wird. Sein Geld hat er gut angelegt und regt sich gern auch schon mal auf über die Ungerechtigkeiten des “ihr da oben wir da unten”- Systems, vergisst dabei aber ebenso gerne, das er längst bei denen da oben angekommen ist. Er wählt Grün oder gar die Linken, denn in den konservativen Reihen vermutet er den Spießer, den er oder sie als Lodenträger, als Lederhosenträger, als Dirndlträgerin oder gar als Bayer schlechthin sieht. Augen und Ohren derart verkleistert predigt er gegen den Konsum, gegen die Wegwerfgesellschaft, nachdem er auf der selbst ausgerichteten Party nicht vergessen hat, die neu gestylte Küche, das brandneue von einem Designer eigens in echtem gekälktem volleichenen kreierte Sideboard vorzuführen. Er oder sie merkt nicht, dass sie benutzt werden, dass sie Werkzeuge in den Händen derer sind, die sich über sie lustig machen, wie aus jenen e-mails, die sich die Mitarbeiter der Rating Agenturen zuschickten klar hervorgeht. Sie machen sich eher Gedanken darüber, wie man die alten schändlichen Wörter wie Neger aus alten Büchern entfernen könnte, wie man selbst das Wort “Blöde” umbenennen könnte, damit es besser in die wohlmeinend verkleisterten Gehirne passt. Sie möchten in einer gesunden Welt leben, einer Welt ohne Krankheit, ohne Armut, ohne Gewalt, ohne Waffen, ohne Kriege, einer Welt, die ihrer Fantasie entspricht, ihrem Sinn für Realität. Da ist dann kein Platz mehr für wirkliche Maßnahmen, wie der oben erwähnten, denn das würde Handeln erfordern, wäre unbequem, unbequemer jedenfalls, als monatlich 20, 30, 50 oder 100 Euro an eine Wohlfahrtsorganisation zu überweisen, per Dauerauftrag versteht sich. Aber die Welt wird schon gut werden, irgendwann, wenn wir uns nur weiter für das Klima einsetzen, wenn wir weitermachen wie bisher.” Wir tun doch nun alles dafür, dass diese Welt besser wird und letztlich sind wir doch alle sowieso machtlos” ist die Devise, und das war die Devise derjenigen, die sie selber, vor Jahren, für Spießer gehalten haben, die Dirndl Trägerinnen, die Lodenmantel- und Tirolerhütchen Träger der 50iger und 60iger.
Und morgen wird es wieder einen Skandal geben, das Gesundheitssystem betreffend, oder einen Politiker, der möglicherweise bei seiner Doktorarbeit gemogelt hat, einem Fernsehsender, der irgendeinem Unterhalter zu viel für zu wenig gezahlt hat, einem saufenden Schauspieler, einem gescheiterten Arzt, einem gestrauchelten Priester, einer neuen Idee zur politischen Korrektheit, die gescheitert ist oder selbst dem Nachbarn, von dem man erfährt, das er jahrelang sein Frau geknechtet hat. Und da kann man sich dann wieder aufregen, kann seine Verachtung zeigen, seine Empörung und seine Entrüstung. Hauptsache, alles bleibt beim alten, das Geld auf dem Sparkonto vermehrt sich, die neuen Vorhänge für das Wohnzimmer kommen rechtzeitig, der Maler macht bei der Renovierung der Eigentumswohnung keine Sauerei und die Kinder kommen mit guten Noten nach Hause.